Unterrichtseinheit 4 – Rechtsseitige Hemiplegie

3.1Einführung in die „Vertrauensübungen“

Während meiner Tätigkeit als Reha-Fachmann habe ich die Erfahrung machen können, dass sehr viele Familien und Personen, die nicht aus dem ärztlichen Bereich kommen, für die neurokognitive Rehabilitation offener sind und sie daher eher akzeptieren. Viele Familienangehörige, die ich in den letzten Jahren kennen gelernt habe, konnten einfach nicht verstehen, warum diese Methode nicht unmittelbar nach dem Schlaganfall angewandt wurde.

So beschloss ich, meine Arbeit den Schlaganfall-Patienten und ihren Familien zu widmen. Im Laufe meines Projektes habe ich viele Familien in meiner Praxis empfangen, die lernen wollten, wie sie selbst ihren erkrankten Familienangehörigen eine geeignete Rehabilitation zu Hause anbieten konnten. Wir waren sehr erfolgreich und erfuhren dabei auch viel Genugtuung.

Jeder Betroffene braucht an seine Erkrankung individuell angepasste Übungen. Im Laufe meiner Lehrtätigkeit machte ich darüber hinaus die Erfahrung, dass die Übungen für die ersten Sitzungen einfach aufgebaut sein sollten – und zwar sowohl für den Patienten als auch für den Angehörigen, der ihn darin anleitet.

Das ist eigentlich logisch: Der Patient hat bis zu diesem Zeitpunkt ganz andere Reha-Übungen gemacht und der ihn betreuende Familienangehörige ist kein Physiotherapeut, da er in der Regel in völlig anderen Bereichen arbeitet. Ich vereinfachte die Übungen, die ich anbot und stellte langsam fest, dass ich sie einer bestimmten Kategorie von Handlungen zuordnen konnte: Ich nannte solche Übungen „Vertrauensübungen“. Durch sie kann die Familie, während die ersten Schritte zur Heilung unternommen werden, gleichzeitig den neuen Reha-Ansatz kennen lernen und dazu Vertrauen fassen.

Ich stellte auch fest, dass solche Übungen unterschiedlich ausfielen, je nachdem ob es sich um rechts- oder linksseitige Hemiplegie handelte. Aus diesem Grunde beschloss ich, zwei verschiedene Video-Guides zu entwickeln.

Ich habe aber die Vertrauensübungen nach Übungen für die untere und die obere Extremität nur deswegen unterschieden, weil sie so anschaulicher würden. Sobald sie erfolgreich absolviert worden sind, werden sie dann durch passende Übungen höheren Niveaus ersetzt.

3.2 EINE MINE, DIE MAN ENTSCHÄRFEN MUSS

Ich habe beschlossen, über dieses Problem zu schreiben, weil das einer der Gründe ist, die nicht selten zum Abbruch des Projekts führen.

Man fühlt sich der Aufgabe nicht gewachsen, sich selbst um die Rehabilitation des erkrankten Familienangehörigen zu kümmern.

Das ist einer der Punkte, die mir sehr am Herzen liegen, weil es sich um ein von vielen Fachleuten ins Feld geführtes Argument handelt, um die Zweifel an meinem Projekt zu rechtfertigen:

Du kannst die Arbeit eines Physiotherapeuten doch nicht mit der vergleichen, die ein Familienangehöriger leisten kann!

Normalerweise gehe ich darauf nicht näher ein, denn ich habe zu wenig Zeit für eine solche Spiegelfechterei. Aber mit Ihnen verhält es sich anders: Ich möchte Ihnen vermitteln, was in mir vorgeht, wenn ich mir diesen Satz anhören muss.

Ich muss an die vielen Familienangehörigen denken, die meine Übungen gelernt haben, und ich muss sagen, dass ich dennoch einen Vergleich mit der Arbeit der gelernten Physiotherapeuten  ziehen kann. Natürlich verfügt der Familienangehörige weder über die Ausbildung, noch über die Erfahrung eines Physiotherapeuten. Trotzdem hat der Familienangehörige Vorteile, die wir nicht übersehen dürfen:

1. Der Familienangehörige wird kein Experte für Schlaganfall-Patienten im Allgemeinen, sondern lediglich für SEINEN Patienten. Seine Kenntnisse werden für diesen Patienten optimiert.

2. Der pflegende Familienangehörige hat keine Vorgesetzten, Chefärzte oder sonstige Leiter, die ihn mit zeitlichen Vorgaben oder Therapieprotokollen einschränken. Wenn er der Therapie zwei oder drei Stunden täglich widmen möchte, kann er das ohne Weiteres tun und er kann sich mit mehr Freiheit und Gelassenheit an die Reha-Arbeit machen als ein Physiotherapeut, der um jeden Preis einen Patienten innerhalb von 45 bis 60 Tagen behandeln muss.

3. Eine Methode, die Gewissheit schafft. Es ist klar, dass ein Familienangehöriger nicht über die gleichen technischen Kompetenzen und Fertigkeiten eines Fachmanns verfügen kann, der sich seit Jahren mit der neurokognitiven Rehabilitation befasst. Ich persönlich aber vertrete die Meinung, dass ein Familienangehöriger mit einer guten Anleitung sogar mehr bewirken kann als ein Therapeut, der unkritisch und noch dazu unter dem Druck seiner Vorgesetzten arbeitet.

Erinnern Sie sich an das Beispiel mit der Webseite? Erst als ich persönlich die Erfahrung gemacht habe, was es damit auf sich hat, eine Webseite zu erstellen, habe ich den Umfang dieses Unterfangens ermessen können und schließlich das praktisch umgesetzt, was ich wirklich wollte.

Mit dieser Erfahrung will ich Ihnen vermitteln, dass Sie sicherlich in der Lage sind, die Verantwortung für die Rehabilitation Ihres erkrankten Familienangehörigen zu übernehmen. Und das wird Ihnen noch klarer, wenn Sie sich vor Augen führen, dass das Gesundheitssystem nicht immer dem entspricht, was Sie brauchen, und dass die Therapeuten in diesem System nicht immer ihr Bestes geben können. Auf jeden Fall werden Sie dann in der Lage sein, die richtigen Fachleute zu finden, wenn Sie einmal Hilfe brauchen.

3.3 Die Anpassung der Vertrauensübungen


esercizi confidenzaIch habe schon von der Möglichkeit gesprochen, die Übungen an die Situation des einzelnen Patienten anzupassen. Ich werde Ihnen die verschiedenen Schwierigkeitsgrade von jeder Übung zeigen und Sie müssen dann selbst entscheiden, auf welchem Niveau Sie mit Ihrem Patienten anfangen.

Jede Übung fängt mit dem 1. Niveau der Anpassung an, das die einfachste Übung darstellt. Später, wenn der Patient diese Stufe beherrscht, kann man zum nächst höheren Niveau übergehen und so weiter.

In dieser Phase spielt es keine Rolle, ob der Schlaganfall sehr große Schäden angerichtet hat oder ob er leichterer Natur war und wir nur auf eine tiefer gehende Genesung hinarbeiten müssen. Ich bitte Sie, auf jeden Fall immer mit den Vertrauensübungen zu beginnen. Erst dann wird es sich automatisch herausstellen, wie schnell sich der Weg zu den komplexeren Übungen bewältigen lässt.

Wie findet man heraus, welches Niveau das richtige für unseren Fall ist?

Gehen Sie bitte wie folgt vor: Beginnen Sie ruhig mit dem 1. Niveau, folgen Sie den Erläuterungen und beobachten Sie, ob bei der Durchführung der Übung Fehler oder Probleme auftreten. Wenn Sie merken, dass der Patient die Übung mühelos absolviert, können Sie zur nächsten Stufe übergehen. Wenn aber Fehler auftreten, bleiben Sie bitte solange auf demselben Niveau, bis der Patient eine bessere Wahrnehmung seines Körpers entwickelt hat.

3.4 Der Weg zu den Übungen höherer Kategorie

Wir haben jetzt alles Wissenswerte besprochen, bevor wir uns mit der praktischen Ausführung der Übungen befassen. Die letzte Information betrifft den Wechsel von den Vertrauensübungen zu den Übungen der HÖHEREN KATEGORIE. Die Vertrauensübungen weisen verschiedene Stufen auf, die Sie immer weiter auf die allmählichen Fortschritte des Patienten abstimmen werden. Am Ende der Vertrauensübungen müssen Sie dann zu der nächsten Kategorie übergehen – das letzte Niveau der Vertrauensübungen beinhaltet auch die Erklärung, wie Sie zu den ÜBUNGEN DER HÖHEREN KATEGORIE gelangen. Verständlicherweise soll dieser Übergang nicht sprunghaft verlaufen, denn die Situationen können sehr unterschiedlich sein. Wir könnten beispielsweise damit konfrontiert sein, dass eine Hand stärker betroffen ist als die dazugehörige Schulter, d. h. dass, während wir mit der Schulter Übungen der höheren Kategorie anpeilen können, wir uns gleichzeitig mit der Hand immer noch auf dem Niveau der Vertrauensübungen befinden und diese weiterhin durchführen müssen.

3.5 ÜBUNG: Erkennung der „BEIN-STELLUNGEN“

Einführung zur Übung

Diese Übung für die untere Extremität ist grundlegend für die Wiederherstellung der Gehbewegungen, obwohl sie derzeit innerhalb der Gruppe der Vertrauensübungen in liegender Position durchgeführt wird.

Ich möchte, dass Sie sich folgende Frage beantworten: „Könnten Sie selbst korrekt laufen, wenn Sie die genaue Position eines Ihrer Beine im Raum nicht wahrnehmen könnten?

Aus diesem Grunde ist es von grundlegender Wichtigkeit, dass der Patient die Wahrnehmung der Bewegungen seiner unteren Extremität verbessert.

Die Positionierung beim Liegen und der Griff:

Der Patient liegt auf einem Bett oder einer Couch, Brustkorb und Kopf können ein wenig angehoben und am Kopfteil des Bettgestells abgestützt werden. Die rechte Hand liegt auf dem Bauch, mit angewinkeltem Ellbogen oder ist flach an der Körperseite angelehnt. Die Beine liegen ausgestreckt auf dem Bett.

Sie, der pflegende Familienangehörige, sitzen an der Seite und werden das rechte Bein des Patienten bewegen, indem Sie Ihre linke Hand unter dem Knie positionieren, während Ihre rechte Hand die Fußsohle ergreift, um sie bewegen zu können.

Die Positionierung beim Sitzen und der Griff:

Die Sitzposition wird in der entsprechenden Übung der HÖHEREN KATEGORIE erklärt. Sie werden dazu kommen, wenn Sie alle Stufen der Anpassung dieser Übung durchlaufen haben.

Die Hilfsmittel

Für die Übung zum Erkennen der Beinstellungen reicht es aus, wenn Sie über einige Anhaltspunkte verfügen. Sie können dafür kleine Gegenstände benutzen, wie beispielweise Rechenschieber (wie die, die man in der Schule zum Rechnenlernen benutzt), Cent-Stücks, oder Steinchen.

In Falle von Aphasie brauchen Sie auch ein Arbeitsblatt, auf dem die jeweiligen Positionen des Beins gezeichnet sind, die Sie dem Patienten zeigen werden.

DOWNLOAD DER PDF-DATEI MIT DEN POSITIONEN DES BEINS

Anpassung

  1. Niveau:  „Welche Position ist das?“ (2 Varianten)
  2. Niveau:  „Welche Position ist das?“ (4 Varianten)
  3. Niveau:  ÜBUNGEN DER HÖHEREN KATEGORIE

1. Niveau

Frage: Sie stellen dem Patienten folgende Frage:

„Welche Position ist das?“

Kurzum: Auf diesem ersten Niveau gibt es nur zwei Positionen zu erkennen

Varianten: Position Nr.1 und 2

Durchführung:

  • Sie werden den Patienten auf die unmittelbar bevorstehende Handlung vorbereiten und ihm erklären, dass Sie gleich den Fuß mithilfe des Knies bewegen werden, indem Sie die Ferse des Fußes in verschiedene Stellungen bringen werden – dafür wird er sich senkrecht bewegen, durch Abläufe, die durch Beugung und Streckung des Knies möglich sind. Wie bei den anderen Vertrauensübungen werden Sie Anhaltspunkte brauchen, um die Ferse des Patienten präzise in Position zu bringen. Um die verschiedenen Positionen zu markieren, können Sie kleine Gegenstände benutzen wie Rechenschieber, Steinchen, Cents u.v.m. gleicher Größe. Die Position Nr. 1 ist die Ausgangsposition mit gestreckten Beinen und eng anliegenden Fersen. Die höhere Position, die Nr. 2, sieht ein angezogenes Bein vor, mit der rechten Ferse auf der Höhe des linken Knies.
  • Nachdem Sie den Patienten auf die bevorstehende Handlung vorbereitet haben, werden Sie den Fuß des erkrankten Familienangehörigen mit dem Griff so halten, wie wir es vorher beschrieben haben. Sie beginnen, die Positionen, die der Patient mit geschlossenen Augen erkennen muss, durch die Bewegungen des Knies zu wechseln.
  • Hier soll der Patient einfach sagen, in welcher Position er sich befindet: Nr. 1 oder Nr. 2 – wenn es erkennbare Sprachprobleme gibt, folgen Sie bitte den Anweisungen, die Sie in dem Kästchen auf der folgenden Seite finden.
  • Hierbei handelt sich um sehr einfache Positionen. Da sie nur zwei Varianten darstellen, rate ich Ihnen, sie nicht in einer regelmäßigen Reihenfolge durchzuführen. Am besten führen Sie mehrmals dieselbe Variante hintereinander durch, bevor Sie die Stellung wechseln.

Wenn die Antwort richtig ist

Wenn der Patient die richtige Wahrnehmung hat, sollten Sie es ihm durch ermutigende Äußerungen wie „bravo, gut, richtig, genau, ok …“ signalisieren.

Wenn die Antwort falsch ist

Wenn der Patient nicht die richtige Wahrnehmung hat, werden Sie ihm die Gelegenheit geben, seine Fehler zu korrigieren.

Man kann beispielsweise so etwas sagen:

Nein, es tut mir Leid, es ist nicht die Position 2, aber jetzt zeige ich dir, wie sich diese Position für dich anfühlen würde“.

Dann werden Sie mit dem Patienten die Position 2 durchführen, so dass er den Unterschied wahrnehmen kann – dann werden Sie sagen:

Kannst du es fühlen? Das ist die Position 2, welche war es vorher?“ oder so etwas Ähnliches.

Wenn der Patient immer noch nicht in der Lage ist, die Positionen richtig zu unterscheiden, werden Sie das Bein Ihres Angehörigen in die gleiche Position bringen, die vorher falsch wahrgenommen worden war und werden sagen:

Das ist die Position von vorher. Kannst du mir sagen, wo wir uns jetzt befinden?

Wenn er die Position wieder falsch einschätzt, können Sie ihm die richtige Nummer verraten und weiter machen. Man sollte diese Übung nicht in die Länge ziehen.

Wenn der Patient deutliche Verständigungsprobleme hat, ist es ratsam, dass Sie nach einem Fehler einfach „Nein“ sagen, und dann sollten Sie ihm die richtige Position zeigen.

2. Niveau

Frage: Sie stellen dem Patienten folgende Frage:

„Welche Position ist das?“

KurzumAuf diesem Niveau können die Positionen bis hin zur vierten erhöht werden.

Varianten: Positionen Nr. 1, 2, 3, 4

Durchführung:

  • Sobald der Patient mit der Übung vertraut ist und mit einer gewissen Sicherheit die Positionen erkennt, kann man eine Variante hinzufügen, dann eine dritte und eine vierte. In diesem Falle zwischen der Position 1, mit gestrecktem Bein, und Position 4, mit gebeugtem Knie und rechter Ferse beim linken Knie, werden die zwei mittleren Positionen 2 und 3 in gleichmäßigen Abständen anzuordnen sein. Der Ausführungsmodus bleibt unverändert im Vergleich zur vorherigen Stufe
  • Zu diesem Zeitpunkt wird der Patient einfach sagen müssen, in welcher Position das Bein ist: 1, 2, 3 oder 4.
  • Im Falle von Aphasie werden Sie das Arbeitsblatt benutzen, auf dem die vier Positionen des Beins abgebildet sind.

3. Niveau

Wenn Sie so weit gekommen sind, können Sie jetzt zu den entsprechenden Übungen der höheren Kategorie übergehen. Diese Übungen werden im Sitzen durchgeführt. Dieser Schritt muss also kompatibel mit der Fähigkeit sein, die Bewegungen des Oberkörpers zu kontrollieren, die der Patient bis zu diesem Zeitpunkt erlangt hat.

Die entsprechenden Übungen finden Sie in den Unterrichtseinheiten 29, 30, 32, 33:

  • Das Brettchen
  • Moquette*

Bevor Sie mit den Übungen beginnen, versichern Sie sich, dass Sie die Anweisungen in der Unterrichtseinheit 22 gelesen und verstanden haben. Sie helfen Ihnen nachzuvollziehen, wie Sie mit den Vertrauensübungen und denen der höheren Kategorie richtig umgehen können.

 

Unterricht 1                                    Unterricht 2                                    Unterricht 3

Dott. Valerio Sarmati

Dott. Valerio Sarmati

Prof. für Neurotraumatologie an der Universität „La Sapienza“ in Rom.

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